Philipp Bayer

So wie viele andere fühlte ich mich schon als Jugendlicher zum Kampfsport hingezogen. Die Theorien und  Kampftrainings, die zu den fernöstlichen Kampfkünsten gehören, waren für mich und viele andere meiner Generation sehr spannend. Am wichtigsten war die Möglichkeit, die selbstverständlichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen unserer eigenen Kultur einmal hinter sich zu lassen, und neue Perspektiven und Möglichkeiten für persönliche Weiterentwicklung zu finden. Im Jahre 1970 war das Angebot an Kampfsystemen in Deutschand noch sehr begrenzt. In erster Linie gab es Schulen japanischer und koreanischer Stile. Mit großer Neugier habe ich dann von 1970 bis 1976 Shotokan Karate gemacht. Danach, bis 1979, beschäftigte ich mich mit Taekwondo. Als die ersten Vertreter des Ving Tsun (Wing Chun) in der deutschen Kampfsportszene erschienen war ich sehr beeindruckt. Der gleiche Effekt wie vorher bei der Einführung der Koreanischen und Japanischen Stile. Diese original chinesische Schule konnte sich durch eine Vielzahl von Demonstrationen schon bald einen Namen schaffen. Der Effekt dieses weichen aber intelligenten Boxstils auf die Einstellung der Kampfsportler war spektakulär. Das war für viele meiner Generation ein Neuanfang. So kam auch ich aus den ersten Begegnungen und den erhaltenen Informationen zu dem Schluß, daß ich nun das gefunden hatte, was ich immer an Hoffnungen und Erwartungen mit chinesischer Kampfkunst verbunden hatte. Sofort begann ich beim einzigen Vertreter des Systems in Deutschland zu trainieren (1979 bis 1981). Mein Ziel war es, mehr über diese Methode zu erfahren und sie letztlich so gut wie möglich zu erlernen. Ein schwerer Unfall, der zum Verlust meiner linken Hand führte, veränderte auf dramatische Weise mein Leben, und natürlich auch meine noch junge Ving Tsun- Karriere. In langen Diskussionen mit meinen Trainern und Lehrern wurde mir das Gefühl gegeben, daß mein Handicap mit den dazugehörenden Problemen unlösbare Schwierigkeiten aufwerfe im Hinblick auf Ving Tsun. Dies schließe ein weiteres Training aus. Meine damaligen Trainer zeigten sich nicht bereit, sich mit meinem Problem auseinanderzusetzen, trotz meines großen Wunsches, Ving Tsun zu lernen. All das Geld und die Zeit, die ich schon investiert hatte, waren merkwürdigerweise ganz offensichtlich wenig wert. Für mich selbst hatte ich beschlossen, Ving Tsun nicht so einfach aufzugeben. Mit dieser unmöglichen Aufgabe am Hals wurde mir klar, daß ich meinen eigenen Weg würde gehen müssen.

Durch meine Entschlossenheit und meine Nachforschungen fand ich schließlich den Weg zu meinem Sifu und wahren Ving Tsun Lehrer. Seit dem Moment, in dem ich 1983 seine Schule betrat, hatte mich Wong Shun Leung als seinen Lehrling akzeptiert- auf die traditionelle Art, mit allen Konsequenzen. Er widmete sich sehr intensiv meinem Training und setzte sich als Lehrer mit meinen Problemen auseinander. In meiner Zeit bei  Wong Shun Leung bin ich viele Illusionen losgeworden. Ich habe auch speziellen Einblick in die Geschichte und die Techniken des Ving Tsun gewinnen können. Über diese Zeit könnte ich so viel sagen, daß es diesen Rahmen sprengen würde.

Dennoch will ich hier kurz feststellen, daß mir durch die enge Zusammenarbeit mit Wong Shun Leung, die Logik, Direktheit und Effektivität des Ving Tsun klar geworden ist. Es hat mir Durchsetzungskraft gegeben und die Möglichkeit, Neuland zu erkunden und neue Einsichten zu gewinnen. Ausserdem wurden die Möglichkeiten sichtbar, die ich trotz meines Handycaps habe. Dieses machte es mir zugleich möglich, wenn auch durch ein Unglück, scheinbar unerreichbare Techniken in mein Arsenal aufzunehmen. Dies alles hatte bei mir auch eine mentale Veränderung zur Folge. Die Anwendungsmöglichkeiten und Produktivität haben mich auf vielen Gebieten bereichert. Die habe ich weitgehend meinem Sifu zu verdanken. Wong Shun Leungs Bereitschaft, Problemen mit meinem speziellen Handycap nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie ernst zu nehmen, öffnete mir viele Türen. Neugierig, positiv und ohne Angst. So wie Ving Tsun selbst… Zum Schluß will ich sagen, daß mir mein Interesse für Ving Tsun und meine Freundschaft mit  Wong Shun Leung viele Möglichkeiten eröffnet haben und mich wiederum darin bestärken, anderen weiterzuhelfen. Allein deshalb schon war jede weitere Ermutigung völlig überflüssig.